Seit meiner Diplomarbeit Evaluation eines selbstkontrollierten computerunterstützen Lernprogramms: Intensivstudie zu Lernverläufen und zur software-ergonomischen Qualität, die ich 1995 an der Universität Mannheim abgab, beschäftigen mich die Zusammenhänge von Usability und E-Learning. Das Thema ist nach wie vor aktuell, weshalb ich an dieser Stelle die Zusammenfassung dieser Arbeit darstellen möchte.

Das Ziel dieser Arbeit war es, die handlungsleitenden Kognitionen von Lernern während der Bearbeitung einer arbeitsanalogen Lernaufgabe zu erfassen und dabei vor allem der Frage nachzugehen, warum von den integrierten Hilfsangeboten nur in geringem Umfang Gebrauch gemacht wird. Eine andere Fragestellung war die nach der software-ergonomischen Qualität der Lernumgebung und ob sich durch die Berücksichtigung software-ergonomischer Kriterien die Effektivität und Selbstkontrollierbarkeit von computerunterstützten Lernprogrammen erhöhen lassen.

Die grundlegenden Merkmalsdimensionen von computerunterstützten Lernprogrammen, Interaktivität, Adaptivität und Selbstkontrollierbarkeit wurden geschildert und deren Zusammenhang mit software-ergonomischen Kriterien aufgezeigt. Weiterhin wurden die Anforderungen, welche an Hilfesysteme innerhalb komplexer Lernumgebungen zu stellen sind dargestellt. Schließlich wurde der Kenntnisstand zur Effektivität von selbstkontrolliertem bzw. explorierendem Lernen zusammengefaßt und Hypothesen zu einer Integration von Erkenntnissen aus dem Bereich der Software-Ergonomie und dem Bereich des selbstkontrollierten computerunterstützten Lernens formuliert.

Die genannten Fragestellungen erforderten Methoden die es erlaubten, Zugang zu den handlungsleitenden Kognitionen der Lerner zu erhalten. Die Methode des lauten Denken wurde als ein dafür geeignetes Verfahren dargestellt. Als Ergänzung dieser Methode bot sich die Methode der Video-Konfrontation an, bei der die Lerner mit ihrem eigenen Interaktionsverhalten während der Aufgabenbearbeitung konfrontiert werden und dazu Äußerungen abgeben sollen. Zur Validierung dieser Daten und als zusätzliche Datenquelle war es wichtig, das Interaktionsverhalten zu analysieren und den Bezug zu den gemachten Äußerungen herzustellen. Fragebogen wurden ergänzend eingesetzt, um unter anderem das Vorwissen der Probanden und deren Programmbeurteilungen zu erfassen.

Der Inhalt des untersuchten Lernprogramms war die betriebliche Kostenrechnung, in Form einer arbeitsanalogen Lernaufgabe. Bei der Programmkonzeption wurde auf ein hohes Ausmaß an Selbstkontrollierbarkeit Wert gelegt und ein umfangreiches Hilfesystem integriert.

Die quantitative Analyse des Interaktionsverhaltens erbrachte ein sehr heterogenes Bild bezüglich der Explorationsdauer und der Anzahl der Wechsel in verschiedene Programmebenen. Die Hilfenutzung war zwar gering, trotzdem gab die Hälfte der Probanden im Fragebogen an, Schwierigkeiten mit dem Einstieg in das Programm gehabt zu haben. Eine Mehrheit der Probanden hätte sich eine stärkere Führung durch das Programm gewünscht bzw. hätte das Programm lieber zusammen mit einem Partner bearbeitet.

Die Inhaltsanalyse der Protokolle des lauten Denkens und der Video-Konfrontation, sowie der Angaben im Fragebogen ergab, daß die meisten Probanden Schwierigkeiten hatten, Ziel und Zweck des Lernprogramms zu erfassen. Zum Teil hatten die Lerner auch Probleme mit der Komplexität des Programms. Die Verwendung der Hilfen war abhängig von der Transparenz des Zugangs und deren wahrgenommenen Nützlichkeit. Die tatsächliche Nützlichkeit der Hilfen hing zum Teil vom Vorwissen des Lerners ab. Manche Probanden wünschten sich aktive Hilfen, wenn sie nicht mehr weiter wußten, oder hätten generell gerne mehr Rückmeldungen gehabt. Als ein Erschwernis stellte sich die inkonsistente Selbstkontrollierbarkeit des Lernumgebung heraus: Die Lerner hatten Mühe von eher computerkontrollierten zu sehr selbstkontrollierten Programmteilen zu wechseln und umgekehrt.

In Bezug auf software-ergonomische Anforderungen ergab sich eine Fülle von Hinweisen und Gestaltungsvorschläge, deren Umsetzung die Benutzbarkeit des Lernprogramms und damit dessen Effektivität und Effizienz erhöhen könnte. Die Aufgabenangemessenheit, Selbstbeschreibungsfähigkeit, Erwartungskonformität, Steuerbarkeit und Fehlerrobustheit der Lernumgebung läßt sich noch erheblich verbessern.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß es sinnvoll ist, in der Diskussion um die Effektivität und Effizienz von selbstkontrolliertem Lernen, eine ganzheitliche Sicht der Qualität von Lernprogrammen anzustreben. Die Kenntnisnahme von Untersuchungsergebnissen zur Mensch-Computer-Interaktion kann dazu einen wichtigen Beitrag liefern.